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23. August 2026

Ulrichshusen, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, Mythos Orchester, IOCO

Natürlich wissen Sie es, lieber Leser: Mit einer vollständigen Bewegung um die eigene Achse hat man sich um 360°gedreht. Der Vorteil: die Möglichkeit eines kompletten Rundumblicks. Er erlaubt sonst nicht realisierbare (Aus)Sichten und damit viele neue Eindrücke. An solche Erfahrungen müssen sich die Veranstalter und Programmplaner der Festspiele MV erinnert haben, als sie vor Jahren in Ulrichshusen eine Veranstaltungsposition namens „360°“ in ihrem Festspielprogramm etablierten. Das Vorhaben: einen bestimmten thematischen Schwerpunkt komprimiert an zwei Tagen von verschiedenen Seiten aus zu beleuchten; man kann auch sagen: „rundum“ zu betrachten, und damit möglichst viel Sachkenntnis möglichst differenziert zu vermitteln.Und das sowohl verbal wie musikalisch in unterschiedlichen Formaten. Bewusst eingeplant ist dabei die nicht selten ausgesprochen unterhaltsame und damit besonders attraktive, auch sinnvolle Einbeziehung des Publikums. Inzwischen ist dieses „Produkt“ außerordentlich beliebt, ja geradezu ein  Knüller, mit dem man mühelos in täglich drei oder auch vier Veranstaltungen eine große Hörerschaft zu begeistern vermag. So auch in diesem Jahr. Am 15. und 16. August hieß das Thema „360° – Mythos Orchester“.

Ein kühnes Unterfangen, die vielhundertjährige Geschichte des instrumentalen Ensemblemusizierens auf zeitlich engstem Raum vorzustellen zu wollen. Denn nichts weniger war die erklärte Absicht. Der reale Ablauf zeigte dann aber, dass die Programmplaner natürlich wussten, worauf sie sich einließen. Kluge Beschränkung war also angesagt. Und für deren Ergebnisse durften die Festspiele dann nach dem rauschenden Finale rechtens den mit viel Verständnis und Herzblut gespendeten Beifall einer wieder restlos begeisterten Hörerschaft für sich reklamieren! Die Grundlage: mit Schloss-Saal, Remise und Konzertscheune gab es in drei verschiedenen Räumen zwei Gesprächsrunden, ein Speed Dating, eine Offene Probe (Registerprobe) und drei Sinfonie-Konzerte, also insgesamt sieben Veranstaltungen.

Für die hinsichtlich nicht alltäglicher Informationen wichtigen Gesprächsrunden konnten ausgewiesene Fachvertreter gewonnen werden. So gab es den Auftakt unter dem Thema „Wer spielt die erste Geige?“ mit dem  Dirigenten Cornelius Meister, mit Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, Matthias Ilkenhans, Orchestermanager der NDR Radiophilharmonie, zwei Mitgliedern der NDR Radiophilharmonie und der an beiden Tagen sehr aktiven Moderatorin Friederike Westerhaus. In einer zweiten Gesprächsrunde agierten der junge Komponist Leon Kropp (Hochschule für Musik und Theater Rostock), Prof. Susanne Keuchel, Musik- und Kulturwissenschaftlerin, Lorenz Blaumer, Musiker und Künstlerischer Manager des Stegreiforchesters (Berlin) sowie Julia Sinnhöfer, Programmverantwortliche der Festspiele MV, erneut Matthias Ilkenhans und Friederike Westerhaus. Das Motto hier: „Das Konzert der Zukunft“. Eine Sonderform des verbalen Austauschs – nunmehr dezidiert unter Einbeziehung des Publikums  –  gab es im Rahmen eines Speed-Datings, einer Gesprächsrunde, in der an sechs jeweils im 10-Minuten-Rhythmus zu wechselnden Diskussionsorten sechs Protagonisten direkt befragt werden konnten (Matthias Schorn, Cornelius Meister, Matthias Ilkenhans, der Konzertmeister des Orchesters, ein Orchesterwart und die Chefin des Orchesterbüros).

Unmöglich und wenig sinnvoll, hier auf Einzelheiten der thematisch unterschiedlich angelegten Gesprächsrunden einzugehen. Das unter solchen Umständen Erwartbare aber wurde geboten: Etwa ausgewählte musikgeschichtliche Informationen zur Entwicklung instrumentalen Ensemblemusizierens (seit Monteverdi), die moderierend vor jedem der Konzerte und verschriftlicht in lesenswerten Beiträgen beider Tages-Programmhefte erweitert und vertieft wurden. Dazu Ausführungen zu Besetzungsfragen, Organisationsstrukturen, Programmplanungen, Finanzierungen und Arbeitsbedingungen, zu Proben-, Aufführungs- und Konzertreise-timings, über Umgangsformen, Streitschlichtungen, Orchesterräte und vieles andere mehr. Auch über die Zukunft der Orchesterlandschaft wurde diskutiert und analysiert, wurden Defizite benannt, Vorschläge gemacht und Erfahrungen vorgestellt. Hier kamen die vielleicht wichtigsten Probleme zur Sprache. Etwa die zur musikalischen Bildung (Schule, Musikschule) unter dem Aspekt künftiger Konzertbesucher (Altersstruktur) zum Stellenwert Neuer Musik sowie zu Fragen nach der Zukunftsfähigkeit tradierter Darbietungsformen und der Notwendigkeit, sich in dieser Hinsicht – Digitalisierung, Einbeziehung von KI? – vielfältigen neuen Möglichkeiten zu öffnen; Letzteres vor allem unter dem Aspekt, möglichst viele attraktive Zugangswege zum Publikum zu nutzen, auszubauen, neu zu finden.

Deutlich wurde, dass mit einer solchen Diskussion Grundsätzliches zur Debatte stand. Und wenn es in Ulrichshusen auch keine Anzeichen einer Untergangsstimmung gab, dann aber doch der deutliche Eindruck hochsensibilisierten Problembewusstseins: Allerdings auch – und das durchgängig – der sichtbare Wille, Schwierigkeiten initiativ anzugehen! Was den praktischen Teil des Ulrichshusener Wochenendes betraf, so hatte der Veranstalter mit der NDR-Radiophilharmonie (Hannover) und dem Dirigenten Cornelius Meister das sprichwörtliche glückliche Händchen gehabt. Gleich drei Konzerte waren zu absolvieren, eine nicht alltägliche Marathonstrecke, die von Monteverdi bis zur Uraufführung eines Auftragswerkes der Festspiele MV reichte. Dabei berücksichtigte die Programmauswahl (samt Einführungen) wichtige Entwicklungsetappen orchestraler Musik. Im ersten Konzert etwa Monteverdis Sonata sopra Sancta Maria ora pro nobis („Marienvesper“), Mozarts Konzert A-Dur für Klarinette und Orchester KV 622 und Dvořáks Sinfonie Nr. 6 D-Dur op. 60. Im zweiten dann die Zeitspanne von Wagner (Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“) bis in unsere Gegenwart. Und die war mit gleich vier Beispielen vertreten. 

David Philip Heftis (*1975) Changements (Stimmungsbilder), ein 14-Minuten-Stück, konnte mit einer sehr abwechslungs- und kontrastreichen Anlage für sich einnehmen. Geräuschkomplexe, prägnant Figuratives, Wechsel von Ruhe und Bewegung, Verhaltenes, Explosives und instrumentatorisch Vielschichtiges verrieten ein stilistisch modernes, aber nicht radikales, zudem spannungsreiches und die Neugier aufrecht erhaltendesVorstellungsvermögen hinsichtlich variabler Stimmungen.

Unsuk Chin (*1961) brauchte mit ihrem 2020 zum Beethoven-Jahr komponierten Stück Subito con Forza nur 5 Minuten, um mit einer Beethoven-hommage (originell verfremdete Zitate) vorwiegend klangwuchtig und virtuos aufregend die sicherlich beabsichtigte Wirkung einer sehr subjektiven Sicht zum Wiener Klassiker zu demonstrieren.

Kaum begonnen und schon vorbei: Olga Neuwirth (*1968), die grande dame unter den deutschen Komponistinnen, überraschte mit only an end: ein Wettbewerbsbeitrag, der laut Ausschreibung nur 1 Minute dauern durfte. Das reichte ihr, um mit überfallartiger Wucht und klanggeballten, in sich brodelnden geräuschhaften Klangwänden sehr expressiv zu fesseln. Gewusst wie! Dann die erwähnte Uraufführung. Ihr Autor: Leon Kropp, nach dem Studium der Musiktheorie (Master) zur Zeit Kompositionsstudent im 4. Studienjahr an der Hochschule für Musik und Theater Rostock; neuerdings auch als Lehrender für Musiktheorie an dieser Einrichtung tätig. Sein Brief Radiance – uraufgeführt als Auftragswerk der Festspiele MV –  verpflichtet sich thematisch einem (nicht wörtlich übersetzten) „Aufflammen“, wobei sicher „Kürze“ (7 Minuten)  und „Strahlen“ mitgedacht worden sind. Kropp verarbeitet die Erfahrungen seines Musiktheorie-Studiums als Form des Weiterdenkens hin zu kompositorischen Strukturen. Im Programmheft bemüht er gedanklich weitreichende, vorliegendes Werk sicher zunächst nur peripher betreffende Überlegungen. Von Spannungsfeldern, analytischer Konstruktion und ihren Spezifika klanglicher Wahrnehmung kann man aber schon sprechen. Erkennbar ist motivische Arbeit (nicht im klassischen Sinne), lineares Denken, Orientieren auf Klangfarbe, figurale Bewegtheit und „stehende“ Flächen. Atonalität ist vorherrschend, und dennoch sind tradierte Parameter im Metrisch-Rhythmischen wie Harmonischen, Intervallischen und Melodischen erkennbar; allerdings angesiedelt zwischen Verfremdung und Neudeutung, als individuell geprägte Übertragung eines bestimmten Konzeptes in zeitgenössischen Kontext. Im Konzertsaal kam das gut an; der Auftraggeber dürfte zufrieden gewesen sein. Für den dann sehr entspannten Ausklang des musikalisch ereignisreichen Vormittagskonzertes hatte der Veranstalter Filmmusik Erich Wolfgang Korngolds bestimmt (Die Abenteuer des Robin Hood). Die Suite frönt dem puren Wohlklang zwischen melodienseeligem Schmelz, gefälliger Beliebigkeit und teils fetzigem Radau. Filmmusik aus einer lange vergangenen Epoche, seinerzeit hochgehandelt (Oscar!), heute als in dezidiert sinfonischer Tradition stehend mit nicht weniger, aber wohl eher historischem Interesse betrachtet. Die passende Zugabe: Schostakowitschs Tahiti-Trott, die  Transkription des Foxtrotts Tea for Two von Vincent Youmans (1928).

„Mitten im Klang“ lautete das Motto des Abschlusskonzertes. Die Besonderheit bestand in der Vermischung von Orchester und Publikum. Ulrichhusens große Konzertscheune erwuchs auf den ersten Blick zu einer orchestral ungewohnt groß und großflächig besetztenArena. Das Anliegen und der Reiz: dem Konzertbesucher die Möglichkeit zu geben, inmitten eines Orchesters mehrmals die Plätze zu wechseln und ein Werk auf diese Weise ganz neu hören zu können. Und das klappte – bestens organisiert – wie am Schnürchen. Zudem war die Atmosphäre unterhaltsam locker, von Neugier geprägt und am Schluss geradezu fröhlich; ein Orcherster und sein Publikum, hörend, parlierend auf Augenhöhe. Auch so kann Musik richtig Spaß machen, zumal mit einem Orchster der Sonderklasse und einem Programm, das vielen Wünschen entgegengekommen sein dürfte: insgeamt 8 Sätze aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Suiten Nr.1 op. 46 und Nr. 2 op. 55. Geschickt und absichtsvoll die Abfolge: drei Publikumspositionen zu je vier Sätzen, wobei nach Positionswechsel des Publikums die letzten beiden wiederholt wurden, um auf nun neuer Position eine weitere, neue Hör-Möglichkeit  erkunden zu können. 

Wer das Wochenende komplett besucht hatte, dem wird Vieles im Gedächtnis geblieben sein. Dabei dürften hinsichtlich der Gesprächsrunden die jeweils individuell wichtigen „Ergebnisse“ sehr unterschiedlich ausgefallen sein; je nach eigenem Erfahrungs- und Kenntnisstand. Etwas anders als erwartet, verlief zumindest für den Berichterstatter die Öffentliche (Stimmgruppen)Probe – hier der tiefen Streicher. Denn geprobt wurde wenig, durchaus interessant be- und gesprochen aber viel. Später war beim Speed-Dating vom Konzertmeister des Orchester zu erfahren, dass Stimmgruppenproben schon länger außer Gebrauch geraten wären…

Den stärksten Eindruck hinterließen natürlich die drei Konzerte. Und das ohne Abstriche: ein erstaunlich stilsicher musizierter Monteverdi mit teils traditionellem, teils historischem Instrumentarium (Trompeten, Theorbe, Cembalo) und hörbar präsentiert in Kenntnis historisch informierter Aufführungspraxis, ein Mozart-Konzert mit dem Klarinettisten Matthias Schorn, das  man sich besser geblasen nicht vorstellen kann und ein hinreißender Dvořák von ungemein differenzierter, vom ersten bis zum letzten Ton faszinierender Ausstrahlung. Dazu ein wahrer  „Gänsehaut“-Wagner, Korngolds sinfonisch leichtgewichtig unterhaltsame Film-„Szenerien“ und so ambitioniert wie überzeugend präsentierte Zeitgenossen. Von den klanglich fast schon süchtig machenden, atmosphärischen Ohrwurm-Stimmungsbildern eines Grieg ganz zu schweigen.

Orchester und Dirigent in Bestform,  Musik in ihren schönsten Erscheinungsformen – was wollte man mehr! Insofern leisteten die Festspiele MV mit diesem besonders kommunikativen Format einen  Beitrag zu jenem großen Thema, das letztlich Gegenstand aller Debatten war.

6. Juli 2026

Original Woodstock Musikanten: Blasmusik in ihrer reinsten Form

Die Original Woodstock Musikanten, zwanzig Spitzenmusiker um Leiter Matthias Schorn, beschließen bei ihrem diesjährigen Auftritt auf dem Woodstock der Blasmusik, die ursprüngliche Seele dieser Musik wieder ins Zentrum zu rücken. So entsteht ein Konzert, das konsequent auf Authentizität setzt – ohne Showelemente, ohne Effekthascherei. Stattdessen erwartet das Publikum eine gute Stunde fast vergessener böhmischer Raritäten und spannender Neukompositionen, gespielt mit höchster Präzision und tiefem Respekt vor der Tradition. Damit zeigen sie eindrucksvoll wie lebendig und kraftvoll echte, unverfälschte Blasmusik klingen kann.

Warum dieses Konzert so besonders ist

Der ORF überträgt auch in diesem Jahr einige Auftritte live vom Woodstock der Blasmusik, die man auch als Aufzeichnung in aller Ruhe im heimigen Wohnzimmer über die Mediathek ORF.ON genießen kann. Vor den Auftritten werden kurz die Verantwortlichen der Bands und Kapellen interviewt und dürfen einen kleinen Ausblick geben, was wir Zuschauer erwarten dürfen. Matthias Schorn, Klarinettist der Wiener Philharmoniker und Leiter der Original Woodstock Musikanten, lässt in seinem Interview keinen Zweifel daran, dass dieser Auftritt etwas besonderes werden wird: 

„Wir werden die Musik in Ruhe lassen. Wir brauchen keine Pyrotechnik, wir brauchen keine Lichtshow, wir werden die Noten spielen, die sich irgendwann mal sehr geniale Komponisten haben einfallen lassen. Nicht mehr und nicht weniger […], weil es uns wirklich am Herzen liegt“

Ein Blasmusiker ohne Woodstock-Erfahrung wird sich fragen, wo da jetzt die Besonderheit liegt. Doch betrachtet man das mittlerweile riesige musikalische Spektrum des Woodstock der Blasmusik, wird man feststellen, dass solche Auftritte, bei denen die Musik wirklich im Mittelpunkt steht, tatsächlich äußerst selten geworden sind – vor allem auf der Main Stage (siehe auch „Lohnt sich das Woodstock 2026 noch?“). Auffällig ist zudem, dass Schorn sowohl beim Interview, als auch bei seinen späteren Moderationen, den Auftritt stets bewusst als „Konzert“ bezeichnet. Er fände es sogar schön, wenn sich das Publikum mal für eine Stunde auf den Boden setzten würde, um komplett ablenkungsfrei den brillanten Klängen der Woodstock Musikanten zu lauschen und sich eine bewusste Auszeit vom lauten Festivalbetrieb zu gönnen. Auch wenn nur wenige Zuschauer der Aufforderung nachkamen, wurde es trotzdem ein Konzert der Spitzenklasse. 

Musikalische Perfektion

„Alles was wir von Euch möchten, sind offene Ohren“, so begrüßte Matthias Schorn das Publikum nach dem ersten Stück und wer dieser Bitte nachkam, wurde mit blasmusikalischer Perfektion belohnt. Ein derart rundes, ausgewogenes Klangbild hört man in der Blasmusikszene nur selten. Technisch ist das Auswahl-Ensemble sowieso auf höchstem Niveau: Intonation, Artikulation und dynamische Abstufungen sind so präzise, dass selbst komplexe Passagen mit Mühelosigkeit vorgetragen werden.

Christian Höcherls Trompetensignale fügen sich selbst in hohen Lagen immer perfekt und unaufdringlich ins Klangbild ein, der Klarinettensatz schafft es auch in schnelleren Tempi jede 16tel-Note transparent zu machen und die gesamte Rhythmusgruppe um Schlagzeuger Patrick Prammer spielt sowieso mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerkes.  Dass eine solche Perfektion bis ins kleinste Detail selbst unter professionellen Klangkörpern nicht immer selbstverständlich ist, fällt spätestens dann auf, wenn man sich die Aufzeichnungen anderer Kapellen in der Mediathek anschaut. Das Niveau ist auch dort atemberaubend und doch entsteht bisweilen der Eindruck, dass Stimmung und Show gelegentliche Unsauberkeiten überdecken. 

Ein Repertoire, das Tradition lebendig hält

Die Original Woodstock Musikanten bleiben in diesem Jahr ihrer Richtung erbarmungslos treu. Alte, fast vergessene böhmische Klassiker und auf den Leib geschriebene Neukompositionen bildeten schon seit ihrer Gründung 2019 das Repertoire. Wer die „Vogelwiese“, die Spritzregen Polka oder andere Blasmusikhits hören möchte, ist bei den Woodstock Musikanten falsch. Und doch etablierten sich im Repertoire einige Titel, die sich unter den Fans steigender Beliebtheit erfreuten. „Die fidelen Sechziger“ (Vacek), „Cocovicka“ (Blaha), oder „Die Alte Naht“ (Höcherl) gehören zu den bekanntesten und haben dank den Woodstock Musikanten den Weg in viele Notenmappen der Musikvereine gefunden. Kein einziger dieser bekannten Titel befand sich in diesem Jahr aber auf der Setlist. Das zeigt auch den erforderlichen Mut, den Matthias Schorn in seinem Interview ansprach. Würde sich das Publikum trotzdem angesprochen fühlen? Wer das Konzert mit den geforderten „offenen Ohren“ verfolgte, wurde sicherlich nicht enttäuscht. Neben einer ganzen Reihe neuer Polkas, Walzer und Märsche wie „Abendzeit – Walzer“ (Moser), „Aus heiterem Himmel – Marsch“ (Höcherl) und der „XY – Polka“ (Grainer), gab es natürlich auch wieder frische, moderne Arrangements böhmischer Raritäten.

Ein Highlight dabei war sicherlich eine neue Bearbeitung von Karel Vaceks Polka „Venkovska“. Ein Titel, den ich persönlich bereits vor einigen Jahren in den Tiefen meines Notenarchives entdeckte. In einem Arrangement von Franz Bummerl und mit „Schützenfest-Polka“ untertitelt. Eine scheinbar einfache und unspektakuläre Nummer? Einfach schon, unspektakulär aber keineswegs, wie die Woodstock Musikanten eindrucksvoll mit ihrer neuen Bearbeitung beweisen. Diese ganzen genialen Details, die man in nahezu allen Vacek Kompositionen findet, werden hier noch hörbarer. Eine wahrlich meisterhafte Bearbeitung von Arrangeur Thomas Greiner und Interpretation der Original Woodstock Musikanten.

Fazit

Bis zum Schluss bleiben die Original Woodstock Musikanten ihrer Linie in diesem Jahr treu und beenden das Konzert mit einem „Trauermarsch“ (Fucik). Das erfordert allerhöchsten Mut und damit konnte man sicherlich nicht alle Festivalbesucher abholen. Die Fans der echten böhmischen Blasmusik, die bereit waren, sich auf pure Musik einzulassen, kamen bei diesem Auftritt allerdings voll auf ihre Kosten und konnten wahrscheinlich einen der musikalisch hochwertigsten Auftritte in der Geschichte des Woodstocks erleben. Es bleibt zu hoffen, dass die Original Woodstock Musikanten und die weiteren Kapellen, bei denen noch die musikalische Kunst im Vordergrund steht, auch in Zukunft ihren Platz im Line-Up des Woodstocks behalten werden, um ein für die Blasmusikszene wichtiges Gegengewicht zur Party- , Stimmungs- und Festzeltfraktion zu bilden.

Den kompletten Auftritt der Original Woodstock Musikanten beim diesjährigen Woodstock gibt es noch bis zum 01.08.26 bei ORF.ON. 

9. Februar 2026

Begeisterung, Neugier und große Stimmen

Die „Pforte um 8“ im Festsaal der Stella war eine musikalische Einladung zur Vielfalt.

Feldkirch. Am Freitagabend trafen im Festsaal der Stella Vorarlberg Privathochschule in Feldkirch ein selten gespieltes Werk der Wiener Moderne, ein kanonisches Spätwerk Mozarts und eine orchestrale Hommage an Miriam Makeba aufeinander, nicht als bloße Kontrastfolie, sondern als bewusst gesetzte Stationen musikalischer und gesellschaftlicher Erfahrung.

Zwischen Moderne und Tradition

Den Auftakt bildete die Sinfonie für Streichorchester von Vilma von Webenau, einer heute kaum noch bekannten Komponistin. Sie war Schülerin Arnold Schönbergs und stand somit in unmittelbarer Nähe eines epochalen Umbruchs. Die Sinfonie gehört nicht zu den Werken, die sich mit zwingender Notwendigkeit ins Repertoire drängen, Webenaus Tonsprache verbleibt in der erweiterten Tonalität des frühen 20. Jahrhunderts, arbeitet mit chromatischen Verschattungen, dichter Harmonik und kontrapunktischer Spannung, ohne die Schwelle zur Atonalität zu überschreiten. Man hört eine Komponistin, die die Möglichkeiten ihrer Zeit kennt, sie sorgfältig auslotet, aber vor dem letzten Schritt innehält.

Mit Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 rückte anschließend ein Werk ins Zentrum, dessen Qualität keiner Rechtfertigung bedarf und dessen Größe sich im Verzicht auf äußerliche Effekte zeigt. Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, übernahm den Solopart und zugleich die Leitung des Orchesters, eine Doppelrolle, die dem dialogischen Charakter des Werks spürbar entgegenkam. Mozarts Klarinette ist hier keine virtuose Selbstdarstellerin, sondern eine sprechende, atmende Stimme, die sich selbstverständlich durch alle Register bewegt und stets in Beziehung zum Orchester bleibt. Schorn gestaltete diese Linie mit klanglicher Selbstverständlichkeit, zurückhaltender Präzision und einem Gespür für die Ruhe, die dieses späte Werk prägt. Besonders im Adagio entfaltete sich jene schlichte Eindringlichkeit, die aus Kontrolle entsteht und den Raum zwischen den Tönen ebenso ernst nimmt wie die Töne selbst. Das Finalrondo gewann seine Leichtigkeit aus formaler Klarheit; es war tänzerisch im Gestus und doch sorgfältig gebaut. Die jungen Musiker begleiteten transparent und aufmerksam, nie bloß stützend, stets im Dialog, sodass sich ein Gesamtbild von großer Ausgewogenheit ergab.

Nach der Pause öffnete sich der Abend in eine andere Richtung. „A Tribute to Miriam Makeba” vereinte Songs der südafrikanischen Sängerin in orchestralen Arrangements von Ursula Reicher, Laura Winkler und Raphaela Fröwis. Dabei wurde musikalische Vielfalt mit biografischer Erinnerung verbunden. Miriam Makeba war mehr als eine Sängerin; sie war eine Stimme, die sich weder musikalisch noch politisch einhegen ließ und deren Lebensweg untrennbar mit Exil, Widerstand und öffentlicher Haltung verbunden blieb. Das Pforte Kammerorchester Plus, bestehend aus Musiker der Iberacademy Medellin, der Bochabela Strings Bloemfontein, der Stella Musikhochschule Feldkirch und weiteren europäischen Hochschulen, verlieh dieser Hommage eine klar internationale Prägung. Kamohelo Moshoaliba und Sicelo Christopher Njapha überzeugten als Sänger mit Leidenschaft, rhythmischer Sicherheit und einer Natürlichkeit, die den Liedern ihre Herkunft ließ, ohne sie folkloristisch zu verengen. In einzelnen Songs ergänzte Martin Lindenthal das Ensemble.

Hommage mit Haltung und Energie

Diese letzte Programmhälfte verwandelte den Festsaal in einen vibrierenden Raum gemeinsamer Erfahrung, in dem sich Aufmerksamkeit ganz selbstverständlich in Begeisterung verwandelte und Musik nicht erklärt werden musste, weil sie unmittelbar wirkte. Die Energie, die von der Bühne ausging, sprang spürbar auf das Publikum über und machte deutlich, dass Miriam Makebas Lieder auch in orchestraler Gestalt nichts von ihrer Direktheit, Wärme und Kraft eingebüßt haben. Großer Applaus und beste Stimmung zeigten, wie sehr diese Musik berührt, verbindet und mitreißt. So spannte sich an diesem Abend ein weiter, lebendiger Bogen von der suchenden Moderne über die klassisch gereifte Klarheit Mozarts bis hin zu einer Musik, die aus gelebter Geschichte, Haltung und Lebenslust spricht.

7. Februar 2026

„Zugehörigkeit“ als mitreißendes Jahresthema 

Die Reihe „musik in der pforte“ eröffnete das Konzertjahr mit ganz unterschiedlichen internationalen Musikern und Musikerinnen. Das Publikum im Festsaal der Stella in Feldkirch war begeistert. Schon einmal waren die Bochabela Strings mit der Kombination von afrikanischer Musik und einem Werk Mozarts sehr erfolgreich, und zwar bei den Bregenzer Festspielen 2023. Warum nicht nochmals diesen Erfolg herausfordern, zumal mit Matthias Schorn ein Solist auf der Klarinette zugegen war, der das legendäre Klarinettenkonzert von Mozart ebenso brillant spielte, wie er dann nach der Pause jazzige Sounds zu den Gesängen von Miriam Makeba beisteuerte.

Spannende Verbindungslinien

Doch auch die Sinfonie von Vilma von Webenau, die das Konzert eröffnete, hatte mit Mozart zu tun, war doch die Großmutter der Komponistin, Julie von Webenau, Schülerin des Sohnes von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Xaver Mozart. Vilma selbst war die erste Schülerin von Arnold Schönberg, und die Sinfonie, die beim „pforte“-Konzert am Donnerstag im Festsaal der „Stella“ in Feldkirch erklang, ist wohl in der Nachfolge Richard Wagners einzuordnen. Mit zarten Einsprengseln von Atonalität – ein nicht eben mitreißender Beginn des ansonsten großartigen Konzerts.

Ein berufener Interpret für Mozart

Das folgende Klarinettenkonzert von Wolfgang Amadé Mozart ist eines der wunderbarsten Werke der Klassik überhaupt, und Matthias Schorn, unter anderem Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, ist dafür ein berufener Interpret. Als Solist und Dirigent in einer Person hat er sowohl die jungen Orchestermusiker in der Hand und arbeitet mit ihnen sehr schön die bei Mozart essenziellen Hell-Dunkel-Kontraste heraus. Zudem vermag er seiner Klarinette Töne von kaum zu fassender Weichheit und Leichtigkeit zu entlocken.

Den Saal zum Kochen gebracht

Und nach der Pause entdeckte man den prominenten Matthias Schorn in den Reihen des Orchesters, wo er immer wieder mit tollen Soli aufhorchen ließ. Diese waren Teil von Orchesterfassungen von Liedern der südafrikanischen Sängerin und Bürgerrechtlerin Miriam Makeba. Und war mit Mozart schon allerbeste Stimmung im Saal, so kochte die Begeisterung im Saal bei diesen Liedern noch einmal höher. Großen Anteil daran hatten die Sängerin Kamohelo Moshoaliba und der Sänger Sicelo Christopher Njapha, zeitweise unterstützt von Martin Lindenthal, der auch das Orchester zum Singen brachte. Ein Konzert, das das Jahresmotto der „pforte“ 2026, das „Zugehörigkeit“ lautet, widerspiegelte, und das nach einem zweiten Konzert gestern am Freitag heute noch einmal in Hittisau im Ritter von Bergmann-Saal über die Bühne gehen wird. Prädikat: unbedingt hingehen!