Pressestimmen

24. Oktober 2021

„Faltenradio“ begeisterte in Landeck: Mit gelebter Musik das Dasein gefeiert

Landeck – Wenn erstklassige Musiker ein Musikstück interpretieren, welchen Genres auch immer, so ist mitunter ein großartiger Konzertabend garantiert. In der Kategorie „Unvergesslich“ ist er deswegen aber nicht unbedingt zu verorten. Dazu bedarf es der Verinnerlichung eines Werkes, eines „Sich-Aneignens“ im Sinne einer mentalen und seelischen Balance.

Das war offensichtlich am Freitagabend beim Konzert der Formation Faltenradio im Rahmen der Festwochen Landeck Horizonte der Fall. Mit Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, Alexander Neubauer, Klarinettist der Wiener Symphoniker, sowie mit den zwei als Dozenten tätigen Klarinettisten Alexander Maurer und Stefan Prommegger durfte man einem Konzert beiwohnen, das den Begriff Crossover mit jeder Menge bewusstseinserweiternden Aspekten ausstattete. Vier virtuose Klarinetten, ein Faltenradio (Harmonika) feierten das Leben mit Musik ganz ohne Noten. Alle vier als Kinder bzw. Jugendliche in der Musikkapelle „sozialisiert“, liegt ihnen die Blas- bzw. Volksmusik im Blut. Einem strammen Marsch von Anton Gmachl jun. folgt Béla Bartók und es ist aufgezeigt, wie dieser von Volksmusik beeinflusst wurde.

Dezent wird die Tonart gewechselt, von Dur geht’s zu Moll, Harmonien werden subtil ein- und umgefärbt, Rhythmus und Takt unmerklich adaptiert und man kommt an bei Ludwig Hirschs „Ich hab’s wissen wollen“ – Melancholie liegt in der Luft. O Magnum Mysterium von Morten Lauridsen ist dann so etwas wie das musikalische In-Sich-Gehen. Lebensfreude à la Kuba, auch die wird bedient mit Danzón von Paquito D’Rivera. Jazz ist unter anderem mit Friedrich Guldas „Für Rico“ angesagt. Klezmer darf nicht fehlen und mit Robert Schumanns Träumerei kommt man endgültig ins Träumen. Die blastechnische Perfektion, die klangliche Raffinesse, mit der diese vier Musiker das Potenzial der Stücke ausloten, ist beispielhaft. Sie wissen um die Klangqualitäten der Klarinette, um den prickelnd frivolen Unterton, um den hellen sanglichen Klang, um das aggressive Potenzial und die melancholische Facette und vor allem, wie diese einzusetzen sind. Helle Begeisterung, ein großartiger Abend!

12. Oktober 2021

„Willi Resetarits & die Bande“ sorgten für gute Laune.

Sie sind die „Musiker für die kalten Herzen, weil sie so herzerwärmend spielen“, sagte Willi Resetarits. Und meinte damit „Die Strottern“: Seit über zwanzig Jahren widmen sich Klemens Lendl und David Müller dem Wiener-Lied, das sie am Wochenende auch zu den Festspielen Taggenbrunn mitbrachten. Dort spiele „Willi Resetarits & die Bande“ auf – sechs Musiker, alle Ausnahmekönner von der Stimme bis zur singenden Säge. Unter dem Motto „Bsoffn in Heanois“ ging es mit vertonten Texten von Daniel Glattauer bis zu H. C. Artmann, dem „Hausheiligen“ von Willi Resetarits, der gut gelaunt durch den Abend führte. Der finnische Pianist Jarkko Riihimäki steuerte zahlreiche Arrangements bei, der Jazz-Bassist Georg Breinschmid eigene Kompositionen und Matthias Schorn, Solist der Wiener Philharmoniker, bewies, dass er der „der weltweit beste Klarinettist“ (Zitat Resetarits) ist. Am Schluss zeigte sich auch das Publikum „besoffen“ – von einem Abend, der für großartige Laune sorgte.

1. Oktober 2021

Ausfransende Klangströme

Nach der erfolgreichen Premiere 2020 setzte das 2. Kammermusikfestival Regensburg wieder klare programmatische Akzente. Diesmal im Zentrum: der russische Komponist Nikolai Roslawez (1881–1944).

Da war es endlich so weit: Ein großes Werk des russischen Komponisten Nikolai Roslawez machte auf beeindruckende Weise plausibel, warum die Veranstalter ihn in den Mittelpunkt des 2. Kammermusikfestivals Regensburg gerückt hatten. Das Atos Trio stürzte sich mit Überschwang und Kompetenz in das vierzigminütige vierte Klaviertrio von 1927, das sich als ein zwischen satzübergreifender Motivcharakteristik, flächig-atmosphärischer Färbung, prägnanter Rhythmik und ausfransenden Klangströmen faszinierend schillerndes Ungetüm entpuppte.

Am bezwingendsten wirkten dabei die Mittelsätze: ein von düsterer Motorik angetriebener Traumspuk auf der einen, ein Ringen um Melodie inmitten harmonischer Auflösungserscheinungen auf der anderen Seite. Anschließend brachten Annette von Hehn (Violine), Stefan Heinemeyer (Cello) und Thomas Hoppe (Klavier) mit einer hinreißend luftigen und innigen Deutung von Schuberts B-Dur-Trio wieder Ordnung in die von Roslawez auf anregende Weise in Verwirrung gebrachte Hörwahrnehmung.Bis zu diesem fünften Konzert des Festivals war die Begegnung mit Roslawez eher punktuell bzw. aufgrund einer eigenwilligen Programmpräsentation etwas unbefriedigend verlaufen. Der Reihe nach: Innerhalb eines sensationellen Auftritts von Tamara Stefanovich (Klavier), Matthias Schorn (Klarinette) und Tobias Feldmann (Violine) waren Roslawez’ „Poème lyrique“ und Nocturne, jeweils für Violine und Klavier, eher aparte Randerscheinungen. Gegenüber Aram Khachaturians süffig-folkloristischem Trio, Arnold Schönbergs Fantasie op. 47 (überragend: Feldmann und Stefanovich), dem Soloklarinetten-Bravourstück „The Mime“ von Arthur Lourié (Schorn wunderbar chaplinesk) und den großartigen „Kontrasten“ von Béla Bartók hatte Roslawez naturgemäß einen schweren Stand.

Der Willy, der wird auch heut’ noch daschlogn

Bühne am Dom: Ein famos altersweiser und glaubwürdiger Konstantin Wecker brilliert mit einem Mix aus Lesung und Konzert. Konstantin Wecker hat am Mittwochabend den Linzer Domplatz für sich vereinnahmt. Wo und wann immer der 74-Jährige seine Texte und Lieder rezitiert, bildet sich mit dem Publikum schnell eine Art Kokon. Eine Blase aus Gleichgesinnten. Wecker versprüht ein Wärmegefühl, eine Sicherheit, hier und jetzt kann niemandem Schlechtes widerfahren.

Weckers Botschaften begründen sich aus einer Außenwelt, die böse ist. Nie wieder Faschismus! Keine Kriege mehr! Bekämpfet stets den nimmersatten, geldgierigen Neoliberalismus! Dafür steht der Musiker und Poet seit Jahrzehnten, und eingehüllt in gehaltvolle Texte und stimmige Begleitmusik wirkt der Auftritt wie ein magisches Auffrischungsseminar.
Konstantin Wecker beginnt sein Konzert mit Willy, den’s gestern daschlogn ham, und rezitiert dazu einen langen Text. Dabei verbindet er das 1977 besungene Schicksal eines jungen Mannes, der von einem Rechtsradikalen erschlagen worden war, mit aktuellen Ereignissen – nämlich dem rechtsextremistischen Terrorakt im deutschen Hanau vom 19. Februar 2020, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergrund getötet wurden. Willys werden auch heute immer noch erschlagen.

Begleitet wird der Liedermacher seit 29 Jahren von Johannes Barnikel am Flügel. Als Gast kommt Matthias Schorn auf die Bühne. Der 39-jährige Halleiner, Klarinettist der Wiener Philharmoniker, gibt dem auf die Gefühlsebene ausgelegten Konzert einen wunderbaren symphonischen Mantel.
Konstantin Wecker arbeitet sich mehr als zwei Stunden lang durch sein Leben. Er streift kein Thema, er spricht es immer konsequent an. Die bewusstseinserweiternde Wirkung seiner beiden Söhne, der freiheitsdominierte Erziehungsansatz seiner Eltern, die Liebe zu seinem Vater. “Für meinen Vater” geht unter die Haut. Vier, fünf Minuten Zeit, untermalt von Puccinis “Nessun dorma”, über die eigene Vater-Sohn-Sache zu reflektieren.

Manchmal kommt auch der ihm implantierte Übermut mit Augenzwinkern herüber, das hebt Konstantin Wecker von jeglicher Zeigefinger-Rhetorik ab, es macht ihn glaubwürdig. Stimmlich hat der Münchner schon bessere Tage erlebt – etwa bei der eingespielten Aufnahme des kleinen Konstantin, bei der er als Sopran eine herzerfrischende Traviata gibt. Eine Stimme, die in die Jahre gekommen ist. Eine Nebensächlichkeit, weil’s um die Botschaften geht. Konstantin Wecker hat eine famose Altersweisheit, verbunden mit jugendlicher Pfiffigkeit, erreicht.