Pressestimmen

11. April 2021

Jeder Note Luft zum Leben gegeben – Der Klarinettist Matthias Schorn und das Epos Quartett erhielten für ihr tiefgehendes Konzert Standing Ovations
Unter dem Motto „Das Kind – es schwebt“ wurde das Pforte-Abonnement 2021 eröffnet. Zum gemeinsamen Musizieren lud das Epos Quartett den Klarinettisten Matthias Schorn ein. Passender hätte das Motto nach der viel zu langen Abstinenz nicht gewählt werden können. Dankbar hoben die Kammermusikerinnen und -musiker mit Werken von Schubert, Schumann, Mozart und Capers ab und nahmen das begeisterungsfähige Publikum gleich mit. So wurde die Matinee im Feldkircher Pförtnerhaus zu einem gemeinschaftlichen Musikerlebnis, das wohl bei vielen noch lange nachwirken wird. Matthias Schorn ist Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, ein musikalisch weitsichtiger und herausragender Musiker, der sowohl instrumentationstechnisch als auch im Hinblick auf irgendwelche musikalischen Genres keine Grenzen kennt. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an das erste Pforte-Konzert. Die Vorfreude wurde nicht enttäuscht, denn Matthias Schorn sowie das Epos Quartett mit Christine Busch und Verena Sommer an den Violinen, Klaus Christa an der Bratsche und Francois Poly am Violoncello waren voller Tatendrang und musizierten in einer mitreißenden Art und Weise.
Mozart einfach spielen
Den Höhe- und Mittelpunkt bildete Mozarts Klarinettenquintett, KV 581. Das viel aufgeführte Werk ist in unzähligen Werkdeutungen bekannt, deshalb war der interpretatorische Zugang, den Matthias Schorn und das Epos Quartett diesem Werk zugrunde legten, besonders interessant. Gemäß dem Motto von Nikolaus Harnoncourt war es für den Klarinettisten oberste Priorität, Mozarts Noten „mit Luft zum Leben zu erwecken“. Und dies tat Matthias Schorn mit einer Gelassenheit, die die Zuhörenden unmittelbar ansprach. Der Klarinettenpart erklang natürlich und mit einer bewundernswerten Leichtigkeit, mit einem phänomenal warmen Klarinettenton, der stets aus der Stille, aus einem schwebenden Pianissimo heraus geformt war und makellos über alle Register hinweg geführt wurde. In aller Ruhe ließen die Musiker im berühmten langsamen Satz der Musik ihren freien Lauf. Dabei war gut nachvollziehbar, wie Matthias Schorn mit seinem vollkommenen Luftfluss eine in sich belebte Tongebung erreicht. Noch lange hätte man dem intensiv miteinander kommunizierenden Quartett und Matthias Schorn zuhören mögen. Francois Poly setzte Schumanns Fantasiestücke op. 73, ursprünglich für Klarinette und Klavier entstanden, für Klarinette und Streichquartett. So wirkte die Klarinette weich eingebettet in den Gesamtklang und die Musiker entfalteten eine feinsinnige Steigerung von einem in sich gekehrten ersten Teil bis hin zum exponierten Abschluss. Unterhaltsam abgerundet wurde das Konzert mit dem „Waltz for Miles“ und „Billie’s Song“ aus den „Portraits in Jazz“ von Valerie Capers.Die Darbietung von Schuberts Quartettsatz, D 703 nahm bemerkenswert programmatische Züge an und illustrierte Gemütslagen, in denen sich wohl viele in den vergangenen Monaten befunden haben. Zwei Klangideen entwickelten die Musikerinnen und Musiker impulsiv heraus, einesteils einen stark aufbegehrenden Tremoloklang und andernteils einen lyrisch wirkenden, melodischen Gedanken. In diese Kerbe schlug auch Ernst Moldens „Liad ibas Losziagn“ mit den treffenden Zeilen „Des is a Liad über’s Losziehen, über‘s Leichtbleiben, über‘s Bockigsein, über’s amol no hinbiagn und über di und mi“, das die Musikerinnen und Musiker als Zugabe präsentierten.
Nachsatz
In Zeiten wie diesen gibt und kann es keine Kulturveranstaltung geben, bei der nicht kulturpolitisch bedenkliche Gegebenheiten und Schieflagen angesprochen werden. Im Gespräch mit Klaus Christa betonte auch Matthias Schorn die „Systemrelevanz“ der Kunst und Kultur. Doch es ist weit mehr, was die Kunst, und in diesem Fall die Musik, zu bieten haben: Kunst und Kultur, egal in welcher Form, sind essentiell für unsere Gesellschaft. Das Gemeinschaftserlebnis im Zusammenwirken der Musikerinnen und Musiker mit den Zuhörenden setzte viele Energien frei, die sicher weiter in den Alltag hineingetragen werden. Dies sollten sich kulturpolitisch Verantwortliche –wenn sie klug sind – für eine positive gesellschaftliche Entwicklung zunutze machen, anstatt das Kulturbudget für das Jahr 2021 zu kürzen und viel zu gering zu schätzen.

Weinen vor Glück mit Mozart

Start der „Pforte“-Reihe wurde zum hoch emotionalen Musikerlebnis

Feldkirch. Das war auch für „Pforte“-Verhältnisse ein besonderes Konzert. Zweige in jungem Grün symbolisierten den Aufbruch nach vielen Lockdown-Enttäuschungen, Testkontrollen, durchgehende Maskenpflicht und Abstände im Saal holten die einhundert Auserwählten im ersten von vier Konzerten in die fragile Realität der herrschenden Pandemie zurück. Doch man nimmt diese Einschränkungen diszipliniert auf sich, nur um wieder dabei sein zu können. Jeder freut sich auch in welch exzellenter Qualität das Epos:Quartett als ständiges Ensemble der „Musik in der Pfote“ antritt. In dieser Besetzung findet man routinierte Größen der Kammermusik wie Primaria Christine Busch, die ihre hohe Führungsqualität mit Bedacht zur Geltung bringt, oder die präsent verlässliche Verena Sommer an der zweiten Violine. Dazu kommt „Pforte“-Chef Klaus Christa, ob dessen Managertätigkeit man gern seine herausragende Stellung als Bratschist vergisst, der Franzose Fracois Poly beeindruckt mit seinem sonoren Cellofundament ebenso wie mit seinen Qualitäten als Arrangeur. 

Wie neu

Es war, als hätte Franz Schubert bereits vor 200 Jahren in seinem seltsam bruchstückhaften Quartettsatz in c-moll etwas von der Stimmung dieser Pandemie mitschwingen lassen: Bedrückung und Depression, die sich in einer dicht verflochtenen Interpretation Luft machen. Von da an beherrscht Matthias Schorn die Szene, unglaublich vielseitiger Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, der bei seinem „Pforte“-Debut zum unangefochtenen Glanzpunkt wird. Schon die Erstaufführung einer gelungenen Bearbeitung Fracois Polys von Robert Schumanns bekannten Fantasiestücken für Klarinette und Streichquartett anstelle des Originals mit Cello und Klavier wird zum Musterbeispiel, wie der Solist sich zurücknimmt und total im Ensemble aufgeht, in den drei Stimmungen auch speziell die melancholisch dunklen Register mit wunderbar weichem Ton zur Geltung bringt. Und dann kommt das, worauf alle gewartet haben: Mozarts singuläres Klarinettenquintett A-Dur mit seinem traumhaften Larghetto und damit wohl eine der schönsten Melodien des Salzburger Meisters. Schorn macht dabei das wahr, was er im VN-Interview angekündigt hat: Er reproduziert diesen Satz nicht, sondern erschafft ihn im Sinne Harnoncourts wie neu, wie man ihn so hier wohl noch nie gehört hat, in einem, aus dem Nichts auftauchenden Pianissimo, lebendig aufblühend und ganz ohne Zirkularatmung, weil er den buchstäblich langen Atem für die endlose Melodie auch so besitzt. Und spätestens hier wird dieses Konzert für die Zuhörer auch zum hoch emotionalen Erlebnis: Weinen vor Glück.

Dass es auch diesmal kein „Pforte“-Konzert ohne das Werk einer Komponistin gibt, verschafft Valerie Capers kurze Aufmerksamkeit für jazzige Winzigkeiten. Am Schluss herrscht pure Heiterkeit, als die Herren des Ensembles in einem alpenländischen Gstanzl in vokale Dreistisimmigkeit ausbrechen.

28. Januar 2021

Grazie, Esprit, Klangzauber

Ein singendes Allegro nach dem Vorbild Johann Christian Bachs beherrscht das Streichquartett C-Dur KV 157 von Mozart, dessen Grazie und Esprit Mitglieder der Wiener Philharmoniker bei diesem besonderen Kammerkonzert meisterhaft akzentuieren. Das sinfonische Satzgefüge und die eindringliche Thematik kommen hier immer wieder ausdrucksvoll zum Vorschein. Dabei arbeiten die Musiker die Affektgebärde nicht aufdringlich heraus, sondern betonen die ausserordentliche Feingliedrigkeit des Satzgewebes. Mozart spricht hier ganz direkt zum Zuhörer. Einen ausgezeichneten Eindruck vermittelt hier auch die dezente Wiedergabe des Flötenquartetts in D-Dur KV 285 von Wolfgang Amadeus Mozart, wo zwei sehr lebhaft interpretierte Sätze das melancholische Flötenständchen in h-Moll umrahmen. Der Flötist Karl-Heinz Schütz agiert mit filigranem Zauber und lässt die chromatischen Feinheiten immer wieder facettenreich aufblitzen. Charmante melodische Einfälle sprudeln hier nur so hervor – und auch die harmonischen Bewegungen bestechen mit klanglicher Durchsichtigkeit und hervorragender spieltechnischer Präzision. Ein Höhepunkt dieses Konzerts ist sicherlich die sphärenhaft-schwebende Interpretation des Klarinettenquintetts in A-Dur KV 581 von Mozart, wo Matthias Schorn (Klarinette) den großen Klangzauber des Werkes und seine reizvollen Farbmischungen bei vielen Passagen beschwört. Die Registerunterschiede kommen dabei in dynamisch reizvollen Abstufungen zum Vorschein. Vor allem spürt man als Hörer, wie stark die Klarinette dabei die Führungsrolle übernimmt. Synkopierte Harmonien werden nuancenreich in das klangliche Gewebe eingebettet. Aber nichts klingt hier wie Zuckerwatte, sondern es besitzt jeder Ton seine eigene Bedeutung. Und den Wiener Philharmonikern gelingt dabei das Kunststück, selbst bei den ausufernden Passagen kein Detail aus dem Auge zu verlieren. Das vierstimmige Hauptthema kann sich so jedenfalls kraftvoll entfalten. Seelische Regungen erfüllen das Larghetto in beglückender Weise, wobei die Klarinette von den Streichern wie auf einer unsichtbaren Wolke getragen wird. Sie singt und jubiliert mit weitgespannten Intervallen. Die Melodiebögen wirken nie gekünstelt, sondern sie sind von echter Emotion und spieltechnischer Leidenschaft erfüllt. Grenzenlose Welten scheinen sich hier in beglückender Art zu öffnen. Das ländlerische Menuett mit seinem dunklen Trio in a-Moll gewinnt bei dieser Wiedergabe vor allem rhythmische Präsenz. Und die Final-Variationen dieses Werkes gipfeln mit ihrer Allegro-Beschleunigung in einer kunstfertigen, hervorragenden Steigerung, deren Emphase nie aufgesetzt wirkt. Zum Schluss folgt noch eine geheimnisvolle, kurze Mozart-Zugabe: Andante Rondo in Es-Dur zu einem Quintett für Klarinette, zwei Violinen, Viola und Bass, wo sich die Musiker fast metaphysisch auszutauschen scheinen. Man lauscht in unendliche Weiten und eröffnet der Harmonik so neue, überaus geheimnisvolle Dimensionen. Dies gilt vor allem auch für das wunderbare Pizzicato im zweiten Satz des Flötenquartetts KV 285, das unauslöschlich im Gedächtnis bleibt.

28. Januar 2021

Philharmonische Kammermusik-Weltmeister

Die KonzertmeisterInnen der Wiener Philharmoniker Albena Danailova und Rainer Honeck, die Mitglieder der Wiener Philharmoniker,  Bratschist Tobias Lea, Solocellist Tamas Varga, Soloflötist Karlheinz Schütz und Soloklarinettist Matthias Schorn warteten mit besonderen Gustostückeln Mozart’scher Kammermusik auf.

Den Anfang machte das Streichquartett C-Dur, KV 175Es war eines der Quartette, das Mozart, knapp 17jährig, während seiner 3. Italienreise, komponierte. „Der Wolfgang befindet sich wo(h)l, er schreibt eben für die lange Weile ein quatro…“, schrieb Vater Leopold  aus Südtirol nach Hause. Weil ihm außerhalb der Auftritte (die Uraufführung seiner Oper „Lucio Silla“ fand etwa zu Weihnachten 1772 statt) anscheinend fad geworden war, schrieb er gleich 6 Streichquartette, fein säuberlich in ihren Tonarten nach dem aufsteigenden Quartenzirkel sortiert. Dreisätzig, neapolitanische Opernsinfonien vor Augen. Es ist dies ein besonders „sonniges“ Werk, mit viel mediterranem Flair.

Das Quartett D-Dur für Flöte, Violine, Viola und Violoncello, KV 285, entstand während der Reise, die Mozart, begleitet von seiner Mutter 1777 über München, Augsburg und Mannheim nach Paris führte, wo die Mutter 1778 der Tod ereilte.  Der 22-Jährige zeigt sich in diesem Auftragswerk auf einem Höhepunkt seines Könnens. Flötenkantilenen voller Leuchtkraft, besonders virtuose Passagen geben dem reifen Meisterwerk das Gepräge. Wobei der Mittelsatz, ein elegisch-verträumtes Adagio, das Soloinstrument, umspielt vom Pizzicato der Streicher, von seiner besonders verinnerlichten Seite zeigt. Karlheinz Schütz glänzte mit weichen, sinnlichen „Legatissimo-Wundern“. Gleichgestimmt die anderen. Großartig!

Und noch ein Highlight mit dem Geniestreich des Quintetts für Klarinette, zwei Violinen, Viola und Violoncello, KV 581 aus dem Jahr 1789. Geschrieben wurde es für den legendären Klarinettisten der Wiener Hofkapelle und Freimaurer-Freund  Anton Stadler. Er war auch bei der klangtechnischen Weiterentwicklung „seines“ Instrumentes beteiligt. Die Bassettklarinetten hatten einen größeren Tonumfang, was die tieferen, samtigen Regionen des Instruments betraf. Was Mozart offenbar besonders gut gefiel. Dies kam auch dem Widmungswerk besonders zugute. Besonders kantable Passagen finden sich auch hier im Mittelsatz, dem tief empfundenen Larghetto, einem perfekten Vorläufer zum langsamen Satz des  Klarinettenkonzerts, KV 622. Matthias Schorn, der Universalmusikant, war in diesem Fall, sozusagen der Anton Stadler der Gegenwart, blies seine Kantilenen berührend. Mit gekonntem, virtuosem Zugriff gestaltete er die Ecksätze. Mozart hätte gejubelt.

Leider nur virtueller Jubel für 6 Erz- und Edelmusiker/innen!