Pressestimmen

Willi Resetarits & Friends

Eine äußerst gut gelaunte Truppe spielte da in der Melker Wachauarena, wohin die Melker Tischlerei zur Wiedereröffnung übersiedelt war, auf der wunderbar begrünten Freilichtbühne: 

Matthias Schorn (Klarinette), die Wienerlied-Experten der Strottern aka Klemens Lendl (Violine) und David Müller (Gitarre und Säge!), Georg Breinschmid (Kontrabass) sowie der finnische und überraschend lustige Pianist Jarkko Riihimäki und natürlich Willi Resetarits.

Der huldigte seinem Lieblingsdichter H. C. Artmann zu dessen 100. Geburtstag mit drei Liedern. Wie gut die sechs Musiker auf der Bühne harmonierten, spürte man spätestens bei „De Beag“, das hier noch grooviger und bluesiger als Ernst Moldens Original war. Mal leise, mal laut, Stimmung und Chemie stimmten. Fazit: Da passte einfach alles: viel Humor, hoch talentierte Musiker, ein toller Abend.

22. Mai 2021

Szenisch stimmiger „Tosca“-Anachronismus in Wien

In der Staatsoper gab man Puccinis Opern-Krimi mit Sonya Yoncheva und Piotr Beczale in musikalisch mediokrem Ambiente.

Es gibt sie doch noch, die berührenden Momente der großen italienischen Oper: Sonya Yoncheva gelang bei ihrem Wiener Rollendebüt ein vorbildliches „Gebet“ der Tosca: ebenmäßige Linienführung, schlackenlose Registerwechsel, klare Diktion, feine Farben und Obertöne und ein Ausdruck von schwebender Innigkeit – glücklicherweise ohne Drücker und Schluchzer.

Für ein paar Minuten ergab sich eine Atmosphäre von Konzentration und Anspannung, die wohl der Gesamtdauer dieses Polit- und Liebeskrimis zustehen würde. Der graue Opernalltag bescherte aber bloß eine oft vulgär lärmende Wiedergabe von Puccinis Meisterpartitur – mit bunt gemischten Charakteren und Temperamenten und vor allem mit Erfolgskurven aller Arten.Der Dirigent wählte eine hemdsärmelige, brutale Gangart, als ginge es um Phonstärken-Rekorde. Derbe Klanggewitter statt dosierter Passion und Sentiment. Das wahrscheinlich beste Opernorchester der Welt darf nicht wie ein Ackergaul behandelt werden, es handelt sich vielmehr um edle Rennpferde, die gehegt und gepflegt sein wollen. Wie sollte sich sonst intimes, partnerschaftliches Musizieren ergeben? Matthias Schorns kostbares Klarinetten-Solo im dritten Akt kann den Abend im Alleingang nicht herausreißen.

Ambrogio Maestri fehlt für den brandgefährlichen Intriganten Scarpia in Stimme und Aussehen jeglicher Anflug von Dämonie, Sarkasmus und Intellekt. Zur mangelnden Durchschlagskraft gesellt sich im Parlando noch eine Unzahl an unsauberen Tönen. Es blieb dem Tenor vorbehalten zu retten, was zu retten war. Für Piotr Beczala ist der Cavaradossi zur Paradepartie geworden – fokussiert im liebesbetonten Charakter, gründlich in der Darstellung des politisch Naiven – ein Profi vom Scheitel bis zur Sohle. Anscheinend wieder gut ausgeruht, funktioniert die Stimme imponierend, mit Kraft und viel Luft sitzen die Höhen und explodieren problemlos. Was im Timbre vielleicht an mediterranem Glanz fehlen mag, kann Beczala mit gepflegter Phrasierungskunst geschickt wettmachen. Mit dem vom kreischenden Publikum vehement eingeforderten Dacapo von „E lucevan le stelle“ durfte er auf den Spuren größter Vorbilder wandeln. Und die Tosca? Das wunderbare „Vissi d’arte“ sollte doch nicht alles gewesen sein. Aufgrund ihres exzellenten Rufs wäre von der prominenten wie attraktiven Diva mehr zu erwarten gewesen. Doch Sonya Yoncheva (Nervosität? Abendverfassung?) schien diesmal schaumgebremst und reserviert. Dass Allüren und große Gesten auch draußen blieben, störte dagegen weniger, eher die bescheidene Tragfähigkeit des keuschen Soprans. Die eifersüchtig Liebende gab sich eher zahm, im zweiten Akt fehlte natürlich mit Scarpia eine ernsthafte Konkurrenz.

Ein unflott gemixtes Kaleidoskop die Comprimarii: Dem stimmschwachen Angelotti von Evgeny Solodovnikov scheint der Kerker in der Engelsburg arg zugesetzt zu haben, ein Geheimagent darf auch die Kontur eines harmlosen Waserls zeigen (Andrea Giovannini als Spoletta); jedoch einmal mehr ein köstliches Kabinettstückl:der Mesner von Wolfgang Bankl. Und dazu der allerschönste aller Anachronismen: Margarethe Wallmanns Inszenierung funktioniert auch in der 618. Aufführung seit April 1958 tadellos. Hoffentlich noch lang.

Frühlingserwachen mit dem Auftakt der Pforte-Saison

Was für eine Freude, wieder live klassische Musik zu hören und zu spielen! Matthias Schorn hat im Gespräch mit dem Leiter der Pforte-Reihe Klaus Christa sicher allen aus dem Herzen gesprochen, als er die direkte Wirkung von Musik beschrieb: Streaming, WLan und Bluetooth können kein Ersatz für den so lebendigen Dialog zwischen einer Klarinette und vier Streichinstrumenten, dem Soloklarinettisten der Wiener Philharmoniker und dem epos:quartett sein. Nach drei Konzerten im Pförtnerhaus des Landeskonservatoriums beglückten die fünf Musikerinnen und Musiker auch das musikalisch ausgehungerte Publikum in Hittisau – vom Frauenmuseum war man in den größeren Ritter-von-Bergmann-Saal umgezogen.

Was uns bewegt. Schuberts einzeln stehender Quartettsatz in c-Moll zu Beginn schien Vieles widerzuspiegeln, was uns derzeit bewegt: Unter den Händen der beiden Geigerinnen Christine Busch und Verena Sommer, des Bratschisten Klaus Christa und des Cellisten François Poly erlebte das Publikum wildes Aufbegehren und zugleich wunderbare Zerbrechlichkeit in den lyrischen Linien. Das aufmerksame Miteinander im Ensemble brachte die besonderen Farben und Kontraste zum Leuchten. Mozarts Klarinettenquintett stand im Mittelpunkt dieser Kammermusikbegegnung, doch hatte François Poly auch den Klavierpart der Fantasiestücke op. 73 von Robert Schumann für Streichquartett umgeschrieben. So konnte Schorn, der so herzerfrischend und berührend von seiner musikalischen Initialzündung zu erzählen weiß (zwei Flügelhornisten auf der Friedhofsmauer …), seinen warmen Klarinettenton auch in diesen romantischen Stücken im Zusammenspiel mit der sensiblen Streicherbegleitung verströmen. Liedmelodien, Poesie, Melancholie und Volksliedton waren hier aufs Schönste vereint.

Neu erschaffen. So musikantisch, so flexibel, so atmend, wie Schorn und das epos:quartett dann das berühmte Stadler-Quintett von Mozart interpretierten, glaubte man ihnen gerne, dass sie mit jeder Aufführung neue Feinheiten in diesem Spätwerk entdecken – schließlich ist das das Geheimnis jeder guten Musik! Da wurde nichts Einstudiertes „abgerufen“, vielmehr wirkte die Musik in jedem Moment neu erschaffen: Ob in der Rhetorik des ersten Satzes, ob in den langen, schön ausgesungenen Bögen des Larghettos, den innigen Verzierungen, dem feinen Menuett oder den farbenreichen Variationen des Finales samt Rausschmeißer-Rundtanz – das Publikum wurde reich beschenkt.Mit zwei „Portraits in Jazz“ der amerikanischen Jazz-Pianis­tin Valerie Capers, wiederum von François Poly bearbeitet, zeigten die Musizierenden ihre stilistische Vielseitigkeit. Ernst Moldens „Liad ibas losziagn“ setzte dem Ganzen noch die Krone auf, so berührend war es (auch für die des Wienerischen Dialekts nicht mächtige Rezensentin). Christa und seine Pforte-Partner kennen kein Schubladendenken und das ist wunderbar!

11. April 2021

Jeder Note Luft zum Leben gegeben – Der Klarinettist Matthias Schorn und das Epos Quartett erhielten für ihr tiefgehendes Konzert Standing Ovations

Unter dem Motto „Das Kind – es schwebt“ wurde das Pforte-Abonnement 2021 eröffnet. Zum gemeinsamen Musizieren lud das Epos Quartett den Klarinettisten Matthias Schorn ein. Passender hätte das Motto nach der viel zu langen Abstinenz nicht gewählt werden können. Dankbar hoben die Kammermusikerinnen und -musiker mit Werken von Schubert, Schumann, Mozart und Capers ab und nahmen das begeisterungsfähige Publikum gleich mit. So wurde die Matinee im Feldkircher Pförtnerhaus zu einem gemeinschaftlichen Musikerlebnis, das wohl bei vielen noch lange nachwirken wird. Matthias Schorn ist Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, ein musikalisch weitsichtiger und herausragender Musiker, der sowohl instrumentationstechnisch als auch im Hinblick auf irgendwelche musikalischen Genres keine Grenzen kennt. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an das erste Pforte-Konzert. Die Vorfreude wurde nicht enttäuscht, denn Matthias Schorn sowie das Epos Quartett mit Christine Busch und Verena Sommer an den Violinen, Klaus Christa an der Bratsche und Francois Poly am Violoncello waren voller Tatendrang und musizierten in einer mitreißenden Art und Weise.

Mozart einfach spielen

Den Höhe- und Mittelpunkt bildete Mozarts Klarinettenquintett, KV 581. Das viel aufgeführte Werk ist in unzähligen Werkdeutungen bekannt, deshalb war der interpretatorische Zugang, den Matthias Schorn und das Epos Quartett diesem Werk zugrunde legten, besonders interessant. Gemäß dem Motto von Nikolaus Harnoncourt war es für den Klarinettisten oberste Priorität, Mozarts Noten „mit Luft zum Leben zu erwecken“. Und dies tat Matthias Schorn mit einer Gelassenheit, die die Zuhörenden unmittelbar ansprach. Der Klarinettenpart erklang natürlich und mit einer bewundernswerten Leichtigkeit, mit einem phänomenal warmen Klarinettenton, der stets aus der Stille, aus einem schwebenden Pianissimo heraus geformt war und makellos über alle Register hinweg geführt wurde. In aller Ruhe ließen die Musiker im berühmten langsamen Satz der Musik ihren freien Lauf. Dabei war gut nachvollziehbar, wie Matthias Schorn mit seinem vollkommenen Luftfluss eine in sich belebte Tongebung erreicht. Noch lange hätte man dem intensiv miteinander kommunizierenden Quartett und Matthias Schorn zuhören mögen. Francois Poly setzte Schumanns Fantasiestücke op. 73, ursprünglich für Klarinette und Klavier entstanden, für Klarinette und Streichquartett. So wirkte die Klarinette weich eingebettet in den Gesamtklang und die Musiker entfalteten eine feinsinnige Steigerung von einem in sich gekehrten ersten Teil bis hin zum exponierten Abschluss. Unterhaltsam abgerundet wurde das Konzert mit dem „Waltz for Miles“ und „Billie’s Song“ aus den „Portraits in Jazz“ von Valerie Capers.Die Darbietung von Schuberts Quartettsatz, D 703 nahm bemerkenswert programmatische Züge an und illustrierte Gemütslagen, in denen sich wohl viele in den vergangenen Monaten befunden haben. Zwei Klangideen entwickelten die Musikerinnen und Musiker impulsiv heraus, einesteils einen stark aufbegehrenden Tremoloklang und andernteils einen lyrisch wirkenden, melodischen Gedanken. In diese Kerbe schlug auch Ernst Moldens „Liad ibas Losziagn“ mit den treffenden Zeilen „Des is a Liad über’s Losziehen, über‘s Leichtbleiben, über‘s Bockigsein, über’s amol no hinbiagn und über di und mi“, das die Musikerinnen und Musiker als Zugabe präsentierten.

Nachsatz

In Zeiten wie diesen gibt und kann es keine Kulturveranstaltung geben, bei der nicht kulturpolitisch bedenkliche Gegebenheiten und Schieflagen angesprochen werden. Im Gespräch mit Klaus Christa betonte auch Matthias Schorn die „Systemrelevanz“ der Kunst und Kultur. Doch es ist weit mehr, was die Kunst, und in diesem Fall die Musik, zu bieten haben: Kunst und Kultur, egal in welcher Form, sind essentiell für unsere Gesellschaft. Das Gemeinschaftserlebnis im Zusammenwirken der Musikerinnen und Musiker mit den Zuhörenden setzte viele Energien frei, die sicher weiter in den Alltag hineingetragen werden. Dies sollten sich kulturpolitisch Verantwortliche –wenn sie klug sind – für eine positive gesellschaftliche Entwicklung zunutze machen, anstatt das Kulturbudget für das Jahr 2021 zu kürzen und viel zu gering zu schätzen.