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Pressestimmen

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23. Januar 2024

Sie feiern das Leben statt den Abschied davon

Neubeuern – Das Minguet Quartett benennt sich nach dem spanischen Philosophen Pablo Minguet – aber bei ihrem Konzert auf Schloss Neubeuern spielen die Musiker alles andere als philosophisch bedächtig oder vergeistigt: Das Kaiser-Quartett von Joseph Haydn beginnen sie hochenergisch mit Hervorhebung der Auftakte als motivgebendem Element, klangvoluminös und mit viel Leuchtkraft, insgesamt mit scharfkantigem, ja manchmal schroffem Zugriff. Ausgesprochen schön gestalteten sie in der Durchführung das Genrebild mit den bukolisch brummenden Dudelsack-Quintbässen. Etwas irritiert waren sie von einem ständigen Störgeräusch im Saal, einem Klingeln, das aus einem Heizkörper zu kommen schien. So geriet ihnen das Adagio mit der Kaiser-Hymne als Thema etwas unfeierlich, auch ziemlich rasch im Tempo. Bekanntlich wird hier das Thema der Kaiser-Hymne streng als Cantus firmus in vier Variationen festgehalten – wohl aus Ehrfurcht vor eben dem Kaiser. Erhitzte Energie herrschte auch im Finale mit den Anfangs-Tutti-Ausrufezeichen in Moll, eine Energie, die sich in der Durchführung kurz vor der Reprise noch wildbewegt steigerte.

Im zweiten Stück hatten sich die Vier mit dem Klingel-Geräusch arrangiert, jetzt verständigten sie sich auch intensiver mit Blicken. Es war Beethovens 3. Satz aus seinem Streichquartett Nr. 15 op. 132 mit dem langen Titel: „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart“. Dieser Satz ist so lange wie das ganze vorhergehende Haydn’sche Quartett. Hier fand das Minguet Quartett zu einem durchweg bewegenden und klangschmelzendem Spiel. Mit breitem Bogenstrich ließen die vier Streicher (Ulrich Isfort und Annette Reisinger, Violine, Aida-Carmen Soanea, Viola, und Matthias Diener, Cello) die Töne anschwellen und immer wieder neu anheben, ließen die Stimmen sich verschränken, verschmelzen, sich trennen und sich wiederfinden, durchbrochen von Seufzer-Figuren und verzuckert mit süßen Trillern der ersten Geige. Dem Klarinettenquintett h-Moll op. 115 von Johannes Brahms schreiben manche Interpreten eine wehmütige Abschiedshaltung zu. In der Tat waren die wehmütig-leisen Stellen die Schönsten in der Präsentation durch das Minguet Quartett, das jetzt durch den Klarinettisten Matthias Schorn ergänzt wurde.

Dessen Klang war wunderschön in den Streicherklang eingebettet, vor allem im gedämpften Adagio, das innig, herbsüß und schmerzlich schön dahinfloss, manchmal mit einer Fahlheit, die schon an Gustav Mahler vorausdenken ließ, und manchmal mit einer Melancholie, die an einen einsamen Puszta-Hirten denken ließ, der auf seiner Klarinette bläst. Aber sonst herrschte durchweg klangsinnliche, vollblütige und heftig bewegte Lebenslust, die durch die vielfältige Motivverarbeitungskunst des alten Brahms hindurchleuchtete: kein Abschied vom Leben, sondern Feier des Lebens.

11. Januar 2024

Begeisternde „Schubertiade“ auf Schloss und Gut Ulrichshusen

Allem Bangen zum Trotz: Es war dann doch noch gutgegangen! Wollte heißen, dass der plötzliche Kälte- und Schneeeinbruch Anfang Januar die prognostizierte Heftigkeit nicht erreichte und damit die vielen Kilometer zum Veranstaltungsort Schloss und Gut Ulrichshusen per Landstraße möglich werden ließ. Und damit den Besuch des traditionellen und in der Regel viele Besucher anlockenden Neujahrskonzerts der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Viel Attraktives hat man in solchem Rahmen bisher schon erlebt: Musik im Spannungsfeld verschiedener Genres, Besetzungen, Stile und Entstehungszeiten. Unterhaltsames wurde mit hohen künstlerischen Ansprüchen verbunden, war zumeist von inspirierender, belebender, oft begeisternder Vielfalt und bot gleichermaßen große „Botschaften“ wie ursprünglich folkloristisch getönte Lust am Spielerischen. Seele baumeln lassen inbegriffen. Alles – natürlich – meisterhaft präsentiert und nicht selten bereichert vom hohen Reiz des Überraschenden;  mancherlei neue Erkenntnisse und Erfahrungen eingeschlossen.

In diesem Jahr ging es um eine „Schubertiade“. Natürlich nicht im Ambiente eines privaten Salons, sondern in der großen, allerdings durchaus noch weihnachtlich stimmungsvollen Remise Ulrichshusens. Der Zulauf war groß, die Besetzung klein – aber sehr fein! Aufgeboten hatten die Festspiele wieder international höchst gestandene Musiker: den Bariton Benjamin Appl, den Klarinettisten Matthias Schorn und das Klavierduo Lucas und Arthur Jussen. Ersterer war ehemaliger Regensburger „Domspatz“, nach Hochschulstudien Exklusivkünstler erst bei Sony Classical, dann bei Alpha Classic und ist Professor „of German Song“ in London (School of Music & Drama) sowie gefragter Liedersänger. Matthias Schorn („Schorny“) ist in Ulrichshusen „gefühlt“ schon immer dabei! Legendär vor allem seine vielen Kammerkonzerte und die begeistert gefeierten, weil ungemein authentisch wirkenden Ausflüge in die alpenländische Folklore oder in die Welt der Wiener Schmankerln. Er ist Publikumsliebling und steht im Übrigen als Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker (und Preisträger in Residence 2013 der Festspiele MV) ohnehin ganz oben in der Sparte „Sonderklasse“. Eine solche Einordnung trifft in gleicher Weise für die beiden jungen, international längst hochgehandelten holländischen Klavier-Brüder Jussen (Publikumspreisträger 2013) zu. Mehr Garantien für einen rundum gelungenen Konzertnachmittag mit  – so darf man es wohl nennen – Schubertscher Haus- und Gesellschaftsmusik konnte man wahrlich nicht erwarten. 

Viel Klangintensität bei der „Schubertiade“

Das betraf zunächst eine Auswahl von sechs Liedern, in und mit denen Benjamin Appl seine rechtens gelobten stimmlichen wie gestalterischen Qualitäten unter Beweis stellte. Dies mit einer sehr klaren, geraden, fast vibratolosen Stimme, die auch noch im Lyrisch-Leisen viel Klangintensität bot, im Kraftvollen Prägnanz und „metallische“ Strahlkraft verriet und hier ansonsten ohne jede romantische Attitüde auskam. Gelegentlich schien es, als ob Appl die zweifellos vorhandenen großen Volumina seiner Stimme bewusst nicht ausreizen wollte, was allerdings dem gestalterischen Profil einer sich hinter den Noten verbergenden „Bedeutungsschicht“ und der schon mal zur erregend kontrastreichen „Szene“ geratenden Darstellungsweise – nicht nur beim „Erlkönig“  – keinerlei Abbruch tat. 

Es gab weitere Lieder – auch ein Beispiel von Schumann berücksichtigend – diesmal aber in einem Arrangement für Klarinette und Klavier. Ein solches Vorgehen muss sich nicht rechtfertigen. Es entspricht durchaus nicht nur früheren oft geübten Praktiken. Sie kommen ohne die menschliche Stimme aus und können durchaus gefallen; wenn man denn bereit ist, die in geradezu zwanghaft enger Verbindung von Text und Musik eingefangene und ungemein sensibel ausgedrückte Gefühlswelt Schuberts auf einem Umweg erleben zu wollen. Falls dabei „Hilfe“ nötig war: ein wie immer unglaublich überzeugender Könner wie „Schorny“, dem keine noch so intime und klangfarblich differenzierte Palette fremd scheint, hat da wieder Meisterliches geleistet und wesentlich zur fast schon entrückten Stimmung im Saal beigetragen. 

Höhepunkte – sicher nicht ohne Staunen und AHA-Effekte im Saal – gab es mit dem Klavierduo Jussen. Die beiden Brüder brillierten (im Wechsel) mit wahrlich faszinierenden Liedbegleitungen und gemeinsam mit Originalwerken für Klavier vierhändig. Diese Musizierform – für Schubert eminent wichtig, in der Musikpraxis bis heute aber gern als peripher betrachtet und oft genug nicht ausreichend wertgeschätzt – dürfte mit diesem Konzert einiges an Akzeptanz hinzugewonnen haben. Geschuldet einem Gestaltungsvermögen, das – wir belassen es beim Pauschalen – nicht nur keine Wünsche offen ließ, sondern solche des intensiveren Kennenlernen-Wollens, des Hebens offensichtlich hier noch verborgener „Schätze“ geradezu provozierte. Für die Präsentation des a-Moll-Allegros op. 144 („Lebensstürme“, D 947)), des 1. Militärmarsches op. 51 (D 733), des „Charakteristischen Marsches“ C-Dur op. posth. 121 (D 968b/886)  und der grandiosen f-Moll-Fantasie op. 103 (D 940) trafen genau jene Sätze zu, die man in einem 1979 in Leipzig erschienenen Konzertbuch „Klaviermusik“ lesen kann: „Schuberts Klaviersatz ist nicht`pianistisch` im eigentlichen Sinne, virtuose Brillanz liegt ihm fern. Dafür verlangt die meist akkordische Setzweise höchste Anschlagskultur  und eine besondere Sensibilität in den klanglichen Abstufungen. Viele der Klavierkompositionen lassen sich auf den ersten Blick verhältnismäßig leicht spielen – zum Klingen zu bringen vermag sie jedoch nur der wirkliche Könner.“ Dem ist wohl wenig hinzuzufügen! Und genau das war in Ulrichshusen nicht  nur zu hören, sondern mit faszinierender klanglicher Intensität und schon Staunen machender, hier in packend verlebendigter Mitteilungsdichte zu erleben. 

Eine „Schubertiade“ mit jener originären Mischung von gelöster Unterhaltsamkeit und doppelbödigem Hintersinn, die dem Anliegen des Komponisten sehr entsprochen haben dürfte. Den gespannten Erwartungen des Publikums sowieso!

18. Dezember 2023

Klangzauber bei Brahms mit Levit, Thielemann und den Wiener Philharmonikern in Baden-Baden

In einem Brief an eine befreundete Pianistin kündigte Johannes Brahms an, er habe gerade „ein kleines Klavierkonzert” geschrieben und meinte damit sein Zweites Konzert für Klavier und Orchester in den stattlichen Ausmaßen von vier Sätzen (wie kein vergleichbares Konzert je zuvor) und einer Dauer von rund 45 Minuten: ironisch vom Komponisten selbst herunter gespielt, aber welcher Reichtum ist darin verborgen! Igor Levit und die Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann hoben an diesem Abend im Festspielhaus Baden-Baden darin alle Schätze. Zudem gab es noch Brahms’ Dritte Symphonie. Es wurde ein Konzert der Sonderklasse. Thielemann und die Wiener erwiesen sich als hervorragendes Team. Das Zweite Brahmskonzert wird bisweilen kritisiert, weil es dem Pianisten kaum Raum zur virtuosen Selbstdarstellung gibt. Es enthält keine Kadenz im klassischen Sinn. Levit machte daraus jedoch einen Vorzug. Durchintensive Kommunikation des Solisten mit dem Orchester entstand musikalisches Teamwork, eine bezwingende Übereinstimmung in der Auffassung der Interpretation, die Thielemann nachdrücklich unterstützte. So entstanden wunderschöne Übergänge, in denen das Klavier vom Orchester ein Thema übernimmt oder das Orchester den Klavierpart weiterführt. Bewundernswert gelang der Adagioschluss des dritten Satzes als intimer Dialog zwischen den Klarinetten mit den Arpeggien im Klavier, und als die Streicher sanft hinzukamen und nochmals das Solocello vom Anfang, da schien die Musik kurz stillzustehen und strahlte für ein paar Momente wirklichen Zauber aus.

11. Dezember 2023

Ereignishaft: Levit, Thielemann, Philharmoniker

Eine Kombination, von der man sich nicht vorstellen kann, dass sie heute zu übertreffen sei: Die Wiener Philharmoniker, der Dirigent Christian Thielemann und der Pianist Igor Levit im Abonnement-Konzert, Johannes Brahms gewidmet. Schon in den ersten Takten des zweiten Klavierkonzerts in B-Dur, op. 83 kündigte sich Ereignishaftes an. Famos ertönt das Horn, Igor Levit stimmt genuin ein, lässt die Klänge des Steinways mit jenen des Horns verschmelzen. Dieses Einverständnis zwischen dem Solisten und dem Orchester setzt sich ungebrochen fort. Levit hält die Balance zwischen seinen aufwühlenden solistischen Passagen, faszinierenden Kadenzen und dem Zusammenspiel. Der langsame Satz ist so sublim, dass es den Atem raubt. Thielemann generiert kammermusikalische Momente. Sehr schön das Cello-Solo, brillant gerät der Austausch zwischen Klarinette und Klavier. Im Finale finden sich diese Könner zu einer Art frohsinnigem Dialog mit einem Hauch von ungarischem Flair. Levit dankte dem Jubel mit einer Zugabe. Thielemann setzte diese Brahms-Hommage mit der dritten Symphonie in F-Dur, op. 90 fort. Forsch, mit präzisen Akzenten setzte er auf sanftes Vorwärtsdrängen, ließ diesen Orchesterklang strömen. Feinste Nuancen machte er mit wenigen Gesten hörbar. Die philharmonischen Solisten übertrafen sich selbst. Passagen gerieten zum Schweben, das ein gängige Thema war von fulminanter Klarheit. Ein eindeutigeres Plädoyer für einen Brahms-Zyklus mit diesem Dirigenten und diesem Pianisten gibt es nicht. Jubel. 

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