Original Woodstock Musikanten: Blasmusik in ihrer reinsten Form

Die Original Woodstock Musikanten, zwanzig Spitzenmusiker um Leiter Matthias Schorn, beschließen bei ihrem diesjährigen Auftritt auf dem Woodstock der Blasmusik, die ursprüngliche Seele dieser Musik wieder ins Zentrum zu rücken. So entsteht ein Konzert, das konsequent auf Authentizität setzt – ohne Showelemente, ohne Effekthascherei. Stattdessen erwartet das Publikum eine gute Stunde fast vergessener böhmischer Raritäten und spannender Neukompositionen, gespielt mit höchster Präzision und tiefem Respekt vor der Tradition. Damit zeigen sie eindrucksvoll wie lebendig und kraftvoll echte, unverfälschte Blasmusik klingen kann.

Warum dieses Konzert so besonders ist

Der ORF überträgt auch in diesem Jahr einige Auftritte live vom Woodstock der Blasmusik, die man auch als Aufzeichnung in aller Ruhe im heimigen Wohnzimmer über die Mediathek ORF.ON genießen kann. Vor den Auftritten werden kurz die Verantwortlichen der Bands und Kapellen interviewt und dürfen einen kleinen Ausblick geben, was wir Zuschauer erwarten dürfen. Matthias Schorn, Klarinettist der Wiener Philharmoniker und Leiter der Original Woodstock Musikanten, lässt in seinem Interview keinen Zweifel daran, dass dieser Auftritt etwas besonderes werden wird: 

„Wir werden die Musik in Ruhe lassen. Wir brauchen keine Pyrotechnik, wir brauchen keine Lichtshow, wir werden die Noten spielen, die sich irgendwann mal sehr geniale Komponisten haben einfallen lassen. Nicht mehr und nicht weniger […], weil es uns wirklich am Herzen liegt“

Ein Blasmusiker ohne Woodstock-Erfahrung wird sich fragen, wo da jetzt die Besonderheit liegt. Doch betrachtet man das mittlerweile riesige musikalische Spektrum des Woodstock der Blasmusik, wird man feststellen, dass solche Auftritte, bei denen die Musik wirklich im Mittelpunkt steht, tatsächlich äußerst selten geworden sind – vor allem auf der Main Stage (siehe auch „Lohnt sich das Woodstock 2026 noch?“). Auffällig ist zudem, dass Schorn sowohl beim Interview, als auch bei seinen späteren Moderationen, den Auftritt stets bewusst als „Konzert“ bezeichnet. Er fände es sogar schön, wenn sich das Publikum mal für eine Stunde auf den Boden setzten würde, um komplett ablenkungsfrei den brillanten Klängen der Woodstock Musikanten zu lauschen und sich eine bewusste Auszeit vom lauten Festivalbetrieb zu gönnen. Auch wenn nur wenige Zuschauer der Aufforderung nachkamen, wurde es trotzdem ein Konzert der Spitzenklasse. 

Musikalische Perfektion

„Alles was wir von Euch möchten, sind offene Ohren“, so begrüßte Matthias Schorn das Publikum nach dem ersten Stück und wer dieser Bitte nachkam, wurde mit blasmusikalischer Perfektion belohnt. Ein derart rundes, ausgewogenes Klangbild hört man in der Blasmusikszene nur selten. Technisch ist das Auswahl-Ensemble sowieso auf höchstem Niveau: Intonation, Artikulation und dynamische Abstufungen sind so präzise, dass selbst komplexe Passagen mit Mühelosigkeit vorgetragen werden.

Christian Höcherls Trompetensignale fügen sich selbst in hohen Lagen immer perfekt und unaufdringlich ins Klangbild ein, der Klarinettensatz schafft es auch in schnelleren Tempi jede 16tel-Note transparent zu machen und die gesamte Rhythmusgruppe um Schlagzeuger Patrick Prammer spielt sowieso mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerkes.  Dass eine solche Perfektion bis ins kleinste Detail selbst unter professionellen Klangkörpern nicht immer selbstverständlich ist, fällt spätestens dann auf, wenn man sich die Aufzeichnungen anderer Kapellen in der Mediathek anschaut. Das Niveau ist auch dort atemberaubend und doch entsteht bisweilen der Eindruck, dass Stimmung und Show gelegentliche Unsauberkeiten überdecken. 

Ein Repertoire, das Tradition lebendig hält

Die Original Woodstock Musikanten bleiben in diesem Jahr ihrer Richtung erbarmungslos treu. Alte, fast vergessene böhmische Klassiker und auf den Leib geschriebene Neukompositionen bildeten schon seit ihrer Gründung 2019 das Repertoire. Wer die „Vogelwiese“, die Spritzregen Polka oder andere Blasmusikhits hören möchte, ist bei den Woodstock Musikanten falsch. Und doch etablierten sich im Repertoire einige Titel, die sich unter den Fans steigender Beliebtheit erfreuten. „Die fidelen Sechziger“ (Vacek), „Cocovicka“ (Blaha), oder „Die Alte Naht“ (Höcherl) gehören zu den bekanntesten und haben dank den Woodstock Musikanten den Weg in viele Notenmappen der Musikvereine gefunden. Kein einziger dieser bekannten Titel befand sich in diesem Jahr aber auf der Setlist. Das zeigt auch den erforderlichen Mut, den Matthias Schorn in seinem Interview ansprach. Würde sich das Publikum trotzdem angesprochen fühlen? Wer das Konzert mit den geforderten „offenen Ohren“ verfolgte, wurde sicherlich nicht enttäuscht. Neben einer ganzen Reihe neuer Polkas, Walzer und Märsche wie „Abendzeit – Walzer“ (Moser), „Aus heiterem Himmel – Marsch“ (Höcherl) und der „XY – Polka“ (Grainer), gab es natürlich auch wieder frische, moderne Arrangements böhmischer Raritäten.

Ein Highlight dabei war sicherlich eine neue Bearbeitung von Karel Vaceks Polka „Venkovska“. Ein Titel, den ich persönlich bereits vor einigen Jahren in den Tiefen meines Notenarchives entdeckte. In einem Arrangement von Franz Bummerl und mit „Schützenfest-Polka“ untertitelt. Eine scheinbar einfache und unspektakuläre Nummer? Einfach schon, unspektakulär aber keineswegs, wie die Woodstock Musikanten eindrucksvoll mit ihrer neuen Bearbeitung beweisen. Diese ganzen genialen Details, die man in nahezu allen Vacek Kompositionen findet, werden hier noch hörbarer. Eine wahrlich meisterhafte Bearbeitung von Arrangeur Thomas Greiner und Interpretation der Original Woodstock Musikanten.

Fazit

Bis zum Schluss bleiben die Original Woodstock Musikanten ihrer Linie in diesem Jahr treu und beenden das Konzert mit einem „Trauermarsch“ (Fucik). Das erfordert allerhöchsten Mut und damit konnte man sicherlich nicht alle Festivalbesucher abholen. Die Fans der echten böhmischen Blasmusik, die bereit waren, sich auf pure Musik einzulassen, kamen bei diesem Auftritt allerdings voll auf ihre Kosten und konnten wahrscheinlich einen der musikalisch hochwertigsten Auftritte in der Geschichte des Woodstocks erleben. Es bleibt zu hoffen, dass die Original Woodstock Musikanten und die weiteren Kapellen, bei denen noch die musikalische Kunst im Vordergrund steht, auch in Zukunft ihren Platz im Line-Up des Woodstocks behalten werden, um ein für die Blasmusikszene wichtiges Gegengewicht zur Party- , Stimmungs- und Festzeltfraktion zu bilden.

Den kompletten Auftritt der Original Woodstock Musikanten beim diesjährigen Woodstock gibt es noch bis zum 01.08.26 bei ORF.ON

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