Staatsoper: Dieser Annio stiehlt dem Sesto die Mezzosopran-Show
Nach Mozarts Tod war seine meistgespielte Oper lange „La Clemenza di Tito“, bevor sie als vermeintlich langatmig und altbacken von der „Zauberflöte“ und vom Da-Ponte-Zyklus verdrängt wurde. Jan Lauwers’ Regie versucht diesen Vorwurf mit einem omnipräsenten Tanzensemble zu parieren, das im Hintergrund ständig für Geschehen sorgt. Das funktioniert nach wie vor nur bedingt, bei der Wiederaufnahme wusste das zahlende Publikum aber schon, worauf es sich einließ.
Die eigentliche Protagonistin ist nicht die Titelfigur: Der zwischen Liebe und Freundschaft hoffnungslos zerrissene Sesto darf am meisten glänzen. Nun ist in dieser Partie passenderweise der größte Star des Abends angesetzt, die US-Amerikanerin Kate Lindsey, die allerdings eine ziemlich enttäuschende Vorstellung lieferte.
Entweder war sie angeschlagen oder sie hat sich in den vergangenen Monaten überanstrengt. Von ihrem so unverwechselbar timbrierten Mezzosopran kam jedenfalls kaum etwas im Saal an. Einzig die wenigen Momente, in denen sie ihr hauchfeines Pianissimo zeigen konnte, erinnerten an die Lindsey von früher. Immerhin war sie schauspielerisch überzeugend, wenn sie die Rolle auch vielleicht etwas überzeichnete. Im Duett mit ihrer Bühnenliebhaberin Hanna-Elisabeth Müller (Vitellia), deren voluminöser Sopran sie in den Schatten stellte, konnte sie sich aber kaum durchsetzen. Nur mit der virtuos aufspielenden Soloklarinette im größten Arien-Hit der Oper, „Parto, parto“ konnte Lindsey mehr anfangen; ihre Koloraturen boten plötzlich doch etwas mehr Stimm-Power.
Die Oper ist eine wahre Frauenstimmenparade. Slávka Zámečníková überzeugte als Servilia, die Gewinnerin der Herzen war aber Lokalmatadorin Patrizia Nolz in der Hosenrolle des Annio. Ihre Stimme vereinte die Tugenden all ihrer Kolleginnen: Sie war weich, warm und erreichte auch die letzten Stehplätze mit Lockerheit. Nolz war im Opernstudio und dann im Ensemble der Staatsoper, seit dieser Saison ist sie frei und singt bald in Berlin, Hamburg und Paris. Ihr ganz großer Durchbruch könnte unmittelbar bevorstehen.
Und die Männer? Katleho Mokhoabane sang einen souveränen Tito, ohne dabei übermäßig zu glänzen; Peter Kellners Publio trumpfte mit einem kernigen Bass auf. Und Cornelius Meister hatte im Graben alles bestens im Griff. Er setzte auf einen fließenden, süffigen, nie revolutionär schroffen Mozart-Klang. Der Abend hätte etwas mehr Akzente gut vertragen, dafür ist Meister der falsche Mann. Stattdessen raste er geschickt durch die vielen Secco-Rezitative am Hammerklavier und sorgte für erstklassige Koordination zwischen Orchester, Chor und Ensemble.